Transitorische ESG-Risiken quantifizieren: Vom Branchenszenario zur individuellen Portfoliowirkung

Transitorische Risiken lassen sich inzwischen deutlich genauer quantifizieren als noch vor wenigen Jahren. Mit den Short Term-Szenarien des NGFS stehen Szenarien zur Verfügung, die klimapolitische Veränderungen über einen kurzfristigen Horizont in makroökonomische, sektorale und finanzielle Auswirkungen übersetzen. Für Banken entsteht damit eine neue Grundlage, um Auswirkungen transitorischer Umweltrisiken auf klassische Risikogrößen zu untersuchen.

Die Herausforderung beginnt jedoch dort, wo ein Branchenergebnis auf das eigene Portfolio übertragen werden soll. Ein branchenweiter Durchschnitt kann die individuelle Zusammensetzung eines Kreditportfolios nur begrenzt abbilden. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie lässt sich aus einem externen Szenarioparameter eine institutsindividuelle Risikowirkung ableiten?

Vom externen Branchenschock zur institutsindividuellen Risikowirkung

Externe Szenarien schaffen einen Ausgangspunkt für die Quantifizierung

Die MaRisk verlangen, dass die Auswirkungen von ESG-Risiken im Stresstestprogramm angemessen berücksichtigt werden, sofern sie für das Institut relevant sind. Wie diese Berücksichtigung methodisch erfolgt, bleibt grundsätzlich dem Institut überlassen. Entscheidend ist, dass die verwendeten Annahmen und Eingangsparameter nachvollziehbar sind und die Auswirkungen angemessen abbilden.

Für transitorische Risiken können die NGFS Short Term Climate Scenarios einen geeigneten Ausgangspunkt bilden. Sie betrachten den Zeitraum bis 2030 und bilden unterschiedliche Entwicklungen ab. Der Vorteil dieser Szenarien für das Risikomanagement liegt insbesondere in ihrer Übersetzung in wirtschaftliche und finanzielle Größen. Das im NGFS-Short-Term-Szenario eingesetzte CLIMACRED-Modell leitet aus den Szenarioentwicklungen unter anderem Veränderungen der Ausfallwahrscheinlichkeit, der Refinanzierungskosten und der Bewertung finanzieller Instrumente ab.

Damit hört der Stresstest nicht bei einer qualitativen Aussage wie „eine steigende CO2-Bepreisung belastet emissionsintensive Unternehmen“ auf. Stattdessen liefern die Szenarien quantitative Anknüpfungspunkte, die in bankübliche Risikogrößen übersetzt werden können.

Der Branchenwert ist noch nicht die Portfoliowirkung

Die direkte Übernahme eines NGFS-Parameters auf alle Kunden einer Branche greift allerdings häufig zu kurz. Innerhalb eines Wirtschaftszweigs können Unternehmen sehr unterschiedlich gegenüber transitorischen Risiken exponiert sein.

Das wird insbesondere bei breit definierten Branchen deutlich. Ein Unternehmen kann bereits erhebliche Investitionen in emissionsärmere Produktionsverfahren vorgenommen haben, während ein Wettbewerber weiterhin stark von fossilen Energieträgern oder emissionsintensiven Prozessen abhängig ist. Beide Unternehmen derselben Branche mit identischen Stressparametern zu versehen, würde diese Unterschiede ausblenden.

Genau hier liegt die Herausforderung der institutsindividuellen Quantifizierung. Die vom NGFS bereitgestellten Parameter sollen nicht neu modelliert werden. Vielmehr geht es darum, einen extern abgeleiteten Brancheneffekt so auf das eigene Portfolio zu übertragen, dass dessen tatsächliche Risikostruktur besser berücksichtigt wird.

Eine mögliche Grundlage hierfür ist ein bereits im Institut vorhandener ESG-Score. Voraussetzung ist, dass dieser geeignete Informationen zur individuellen Exposition gegenüber transitorischen Risiken enthält. Der ESG-Score kann als Skalierungsfaktor verwendet werden, um den externen Brancheneffekt innerhalb des eigenen Portfolios zu differenzieren.

Ein Unternehmen mit überdurchschnittlich hoher Exposition gegenüber einer steigenden CO2-Bepreisung könnte dadurch einen stärkeren Stressimpuls erhalten als der Branchendurchschnitt. Bei einem Unternehmen, das bereits wesentliche Transformationsmaßnahmen umgesetzt hat und gegenüber dem selben Risikotreiber vergleichsweise resilient erscheint, kann der Effekt entsprechend geringer ausfallen.

Auf diese Weise entsteht aus einem einheitlichen externen Szenario eine differenzierte Portfoliobetrachtung. Gleichzeitig bleiben Ursprung und Wirkung des Stressparameters transparent: Das NGFS liefert die Szenariowirkung, der institutseigene ESG-Score dient der Kalibrierung auf die konkrete Kundenstruktur.

Externe Daten werden zum Steuerungsinstrument

Der Nutzen einer solchen Betrachtung geht über die reine Berechnung eines Stresstestergebnisses hinaus. Eine differenzierte Quantifizierung zeigt, welche Teile eines Portfolios tatsächlich besonders stark von transitorischen Risiken betroffen sind und wo die Widerstandsfähigkeit höher ist als ein Branchenmittelwert zunächst vermuten lässt.

Damit entstehen konkrete Ansatzpunkte für das Risikomanagement. Auffällige Branchen oder Kundengruppen können vertieft analysiert werden und Konzentrationen gegenüber bestimmten transitorischen Risikotreibern werden sichtbar. Die Ergebnisse können außerdem in das Management Reporting, die Festlegung von Risikoindikatoren oder die strategische Portfoliobetrachtung inklusive Limitierungen einfließen.

Die Qualität der Ergebnisse hängt dabei unmittelbar von der Qualität des ESG-Scores ab. Institute sollten deshalb prüfen, welche Informationen tatsächlich hinter dem verwendeten Score stehen und ob diese zum betrachteten Risikotreiber passen.

Die NGFS-Szenarien können somit eine Lücke zwischen abstrakten Klimarisiken und klassischen bankwirtschaftlichen Risikogrößen schließen. Der entscheidende Schritt besteht anschließend darin, die externen Ergebnisse nicht undifferenziert auf das Portfolio zu übertragen. Erst die Verbindung mit institutseigenen Informationen ermöglicht eine Analyse, die die tatsächliche Kundenstruktur berücksichtigt und damit auch für Steuerungsentscheidungen nutzbar wird.

Sie möchten transitorische ESG-Risiken für Ihr eigenes Portfolio differenziert quantifizieren und vorhandene ESG-Daten dafür gezielt nutzen? Sprechen Sie mich an – ich tausche mich gerne mit Ihnen zu möglichen methodischen Ansätzen und deren Umsetzung aus.

Kontakt

Kontakt

Tim Strauß

Dr. Tim Strauß
T +49 151 57 98 36 19

Unternehmen

Karriere

Kunden

Leistungen

Impulse

Suche
[wpdreams_ajaxsearchlite]