Physische ESG-Risiken quantifizieren: von der Flutkarte zum Steuerungsimpuls

Physische Risiken werden vermehrt im Risikomanagement vieler Institute integriert. Häufig erfolgt ihre Bewertung jedoch noch auf vergleichsweise hoher Aggregationsebene, etwa anhand von Postleitzahlen, Regionen oder qualitativen Risikoklassen. Damit lässt sich erkennen, wo eine erhöhte Gefährdung bestehen könnte. Welche einzelnen Immobilien oder Sicherheiten tatsächlich betroffen sind und welche finanzielle Wirkung daraus entsteht, bleibt jedoch offen.

Gerade bei Flussfluten stehen bereits heute externe Daten und Methoden zur Verfügung, mit denen sich diese Lücke schließen lässt. Werden interne Objektinformationen mit Geodaten verbunden, kann aus einer allgemeinen Gefährdung eine Bewertung auf Ebene des einzelnen Assets und anschließend des gesamten Portfolios entstehen. Diese Quantifizierung schafft zugleich eine Grundlage für Sensitivitätsanalysen und konkrete Steuerungsentscheidungen.

Physische Risiken dort betrachten, wo sie entstehen: auf Ebene des einzelnen Assets.

Die Aufsicht verlangt eine angemessene Betrachtung physischer Risiken

Die aufsichtsrechtlichen Anforderungen geben Instituten einen klaren Rahmen vor, ohne eine bestimmte Datenquelle oder Methodik festzuschreiben. Nachhaltigkeitsrisiken sind als Risikotreiber in den relevanten Risikoprozessen angemessen zu berücksichtigen. Dazu gehören neben der Identifikation und Bewertung materieller Auswirkungen von ESG-Faktoren auf (wesentliche) Risikoklassen auch die Integration in Stresstests.

Für die praktische Umsetzung bedeutet dies: Entscheidend ist nicht die Verwendung einer bestimmten Flutkarte. Entscheidend ist, ob ein Institut mit einem nachvollziehbaren und für sein Risikoprofil angemessenen Verfahren beurteilen kann, wie sich physische Risiken auf das bankeigene Portfolio auswirken.

Von der Adresse zum Risiko

Der Ausgangspunkt für eine granularere Betrachtung ist häufig bereits im Institut vorhanden: die Adresse einer Immobilie oder Immobiliensicherheit. Durch Geokodierung lässt sich diese Adresse in eine eindeutige räumliche Position überführen. Diese Geokoordinate kann anschließend mit externen Gefahrenkarten verknüpft werden.

Für die Bewertung des Risikos einer Flussflut können beispielsweise Daten des Joint Research Centre genutzt werden. Die Karten enthalten modellierte Überflutungsflächen und Fluthöhen für unterschiedliche Wiederkehrperioden. Für eine Immobilie lässt sich damit prüfen, ob sie in einem bestimmten Szenario betroffen ist und welche Fluthöhe an ihrem Standort zu erwarten wäre.

Der wesentliche Vorteil liegt in der Betrachtung auf Ebene des einzelnen Assets. Zwei Immobilien innerhalb derselben Postleitzahl können trotz räumlicher Nähe eine deutlich unterschiedliche Exposition gegenüber Flussfluten aufweisen. Eine Risikobewertung auf Basis der Postleitzahl kann diesen Unterschied nur eingeschränkt abbilden.

Die Analyse muss jedoch nicht bei der Fluthöhe enden. Über Schadensfunktionen lässt sich die physische Gefährdung in eine finanzielle Größe übersetzen. Ein Beispiel hierfür sind die von Huizinga et al. 2017 veröffentlichten Schadensfunktionen. Sie stellen für unterschiedliche Gebäudetypen einen Zusammenhang zwischen Fluthöhe und erwarteter Schadensquote her.

Damit entsteht eine durchgängige Wirkungskette: Aus der Adresse wird eine Geokoordinate. Die Geokoordinate wird mit der Gefahrenkarte verknüpft. Die resultierende Fluthöhe wird über eine Schadensfunktion in eine Schadensquote übersetzt. In Verbindung mit dem Objektwert kann daraus ein potenzieller monetärer Schaden abgeleitet und anschließend über das Portfolio aggregiert werden Damit lässt sich die Analyse mit überschaubarem Datenaufwand umsetzen: Die erforderlichen Informationen liegen in der Bank bereits vor oder sind frei zugänglich.

Der monetäre Gebäudeschaden ist dabei noch nicht automatisch mit dem Verlust der Bank gleichzusetzen. Versicherungsschutz, Besicherung, mögliche Wertminderungen und die wirtschaftliche Belastung des Kreditnehmers müssen je nach Fragestellung zusätzlich berücksichtigt werden. Gerade diese transparente Trennung zwischen physischer Gefährdung und bankseitiger Risikowirkung ist für eine belastbare Analyse entscheidend.

Sensitivitätsanalysen zeigen, wie das Portfolio reagiert

Neben der objektbezogenen Analyse bietet die Variation der zugrunde liegenden Szenarien zusätzliche Erkenntnisse. Für unterschiedliche Wiederkehrperioden kann jeweils der aggregierte Schaden des Portfolios berechnet werden.

Werden die Ergebnisse grafisch dargestellt, entsteht eine Sensitivitätskurve. Auf der einen Achse steht die Wiederkehrperiode, auf der anderen der Portfolioschaden. Dadurch wird sichtbar, wie empfindlich das Portfolio auf zunehmend seltene und schwerere Flutereignisse reagiert. Ein Portfolio kann bereits bei vergleichsweise häufigen Ereignissen deutliche Schäden aufweisen. Bei einem anderen Portfolio treten wesentliche Belastungen möglicherweise erst bei sehr seltenen Ereignissen auf. Bei zunehmenden Wiederkehrperioden kann sich zudem eine Annäherung an eine portfoliospezifische Expositionsobergrenze zeigen, wenn auch extremere Szenarien kaum zusätzliche Immobilien erfassen.

Damit liefert die Sensitivitätsanalyse eine andere Information als eine einzelne Flutkarte. Die Geodaten beantworten die Frage, welche Assets betroffen sind. Die Sensitivitätsanalyse zeigt, wie sich die finanzielle Belastung des Portfolios mit zunehmender Ereignisschwere verändert.

Von der Quantifizierung zur Steuerungsentscheidung

Der Mehrwert der Analyse entsteht dann, wenn ihre Ergebnisse in bestehende Entscheidungsprozesse einfließen.

Für physische Risiken können daraus sehr konkrete Steuerungsimpulse entstehen. Erkennt ein Institut beispielsweise Konzentrationen besonders exponierter Immobilien, kann es seine Risikoüberwachung intensivieren, Anforderungen an den Versicherungsschutz prüfen oder Limite für bestimmte Regionen und Portfolien ableiten. Ebenso können die Erkenntnisse in Kreditprozesse, Sicherheitenmanagement und strategische Portfoliobetrachtungen einfließen.

Dabei muss nicht jede Bank dieselben Maßnahmen wählen. Entscheidend ist, dass aus der Analyse eine nachvollziehbare Verbindung zwischen Gefährdung, finanzieller Wirkung und Steuerungsentscheidung entsteht. Auch die Risikoakzeptanz ist möglich, sollte aber eine bewusste Entscheidung darstellen und nicht auf Unwissenheit beruhen.

Externe Geodaten schaffen damit mehr als eine detailliertere Darstellung physischer Risiken. Sie ermöglichen den Übergang von einer qualitativen Identifikation zu einer quantitativen Bewertung auf Einzelobjekt- und Portfolioebene. In Verbindung mit Sensitivitätsanalysen entsteht eine belastbare Grundlage, um physische Risiken nicht nur regulatorisch zu berücksichtigen, sondern aktiv in die Risikosteuerung einzubeziehen.

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Tim Strauß

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